Das Mathematikschulbuch als Instrument des Schülers – Eine empirische Studie zur Schulbuchnutzung in den Sekundarstufen

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Sebastian Rezat (2009): Das Mathematikschulbuch als Instrument des Schülers – Eine empirische Studie zur Schulbuchnutzung in den Sekundarstufen. Dissertation, Justus-Liebig-Universität Gießen.
Begutachtet durch Rudolf Sträßer und Lisa Hefendehl-Hebeker.
Tag der mündlichen Prüfung: 02.07.2009.

Zusammenfassung

Der Gegenstand der Arbeit ist die Nutzung des Mathematikbuches durch Schüler der Sekundarstufen I und II als Instrument zum Lernen von Mathematik. Ziele der Untersuchung waren:

  • Tätigkeiten zu ermitteln, in denen das Mathematikbuch von Schülern als Werkzeug zum Lernen von Mathematik verwendet wird;
  • typische Nutzungsweisen des Mathematikbuches von Schülern im Rahmen dieser Tätigkeiten zu beschreiben.

Um theoretische Erkenntnisse bezüglich des Forschungsgegenstandes induktiv aus empirischen Daten zur faktischen Nutzung des Mathematikbuches durch Schüler abzuleiten, wurde die Untersuchung grundsätzlich als Grounded-Theory-Studie (vgl. Strauss & Corbin 1996) konzipiert. Im Sinne einer Spezifizierung der Forschungsmethodik im Hinblick auf den Untersuchungsgegenstand wurde das allgemeine handlungs- und interaktionstheoretische Kodierparadigma der Grounded Theory durch den instrumentellen Ansatz der kognitiven Ergonomie (vgl. Rabardel 2002) ergänzt, der die Interaktionen zwischen Menschen und Artefakten wie dem Mathematikbuch sinnvoll konzeptualisiert. Die Untersuchung der Nutzung des Mathematikbuches durch Schüler vor dem Hintergrund des instrumentellen Ansatzes erforderte eine eingehende Analyse der Struktur von Mathematikbüchern, die im Wesentlichen dazu diente,

  • Kategorien zur Verfügung zu stellen, die es ermöglichen zu spezifizieren, welche Teile ein Schüler im Mathematikbuch nutzt;
  • Aussagen darüber zuzulassen, inwiefern die Untersuchung vom jeweils verwendeten Buch abhängt.

Die Erhebung valider Daten zur Nutzung des Mathematikbuches ist ein grundsätzliches Problem der Schulbuchnutzungsforschung, das in dieser Arbeit durch die Entwicklung einer innovativen, dem Gegenstand angemessenen Datenerhebungsmethode gelöst wurde: Die Schüler dokumentierten die Nutzung ihres Mathematikbuches, indem sie die genutzten Schulbuchausschnitte mit einem Textmarker markierten und in einem Heft den Grund ihrer Nutzung beschrieben. Parallel wurden Daten über die Nutzung des Mathematikbuches im Unterricht während des Erhebungszeitraums durch teilnehmende Beobachtung erhoben und Interviews mit ausgewählten Schülern geführt.

Die Analyse der Daten ergab, dass Schüler das Mathematikbuch im Rahmen von vier Tätigkeiten als Instrument zum Lernen von Mathematik verwenden: 1. Bearbeiten von Aufgaben, 2. Festigen, 3. Aneignung von Wissen, 4. interessemotiviertes Lernen. Im Hinblick auf die oben genannten Ziele der Untersuchung sind diese Tätigkeiten ein erstes zentrales Ergebnis der Arbeit.

Darüber hinaus wurden auf Grundlage der Daten individuelle Nutzungsweisen des Buches durch die Schüler rekonstruiert. Um bei der Analyse der Daten zur Nutzung des Mathematikschulbuches durch Schüler nicht auf der Ebene des Individuellen und Einzigartigen stehen zu bleiben, sondern darüber hinaus im Einzelfall allgemeine Prinzipien zu erkennen, wurden auf der Grundlage eines zweistufigen Typenbildungsprozesses im Sinne der empirisch begründeten Typenbildung (vgl. Kluge 1999) in einem ersten Schritt typische Verwendungsweisen des Mathematikbuches durch Schüler im Rahmen der vier Tätigkeiten ermittelt, die in einem zweiten Schritt für die Erstellung einer Nutzertypologie zugrundegelegt wurden. Im Einzelnen wurde in diesem Prozess analysiert,

  • welche Teile des Mathematikbuches von Schülern typischerweise zu bestimmten Zwecken verwendet werden;
  • welche typischen Gebrauchsschemata Schüler im Umgang mit dem Buch ausbilden, d. h. wie Schüler Auswahlen im Schulbuch treffen und wie Schüler das Buch im Zusammenhang mit den vier Tätigkeiten als Instrument verwenden;
  • ob es Nutzertypen gibt, die durch eine vergleichbare Verwendungsweise des Buches gekennzeichnet werden können.

Die Beschreibung unterschiedlicher, typischer Verwendungsweisen des Mathematikbuches und die Bildung einer Nutzertypologie stellen weitere zentrale Ergebnisse der Arbeit im Hinblick auf die oben genannten Ziele dar.

Insgesamt leistet die Arbeit einen theoretischen, methodischen und inhaltlichen Beitrag zur Schulbuch- und Schulbuchnutzungsforschung mit besonderer Ausrichtung auf das Mathematikbuch. Die Dissertation ist 2009 im Vieweg+Teubner-Verlag erscheinen.

Auszeichnungen

  • Förderpreis der GDM 2010

Kontext

Literatur

  • Kluge, S. (1999). Empirisch begründete Typenbildung. Zur Konstruktion von Typen und Typologien in der qualitativen Sozialforschung. Opladen: Leske + Budrich
  • Rabardel, P. (2002). People and Technology: a cognitive approach to contemporary instruments
  • Strauss, A. (1996). Grounded Theory: Grundlagen Qualitativer Sozialforschung. Weinheim: Beltz, Psychologische Verlags Union