Medien in didaktischer Sicht

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Überblick [1]

Es gibt kein einheitliches Verständnis dessen, was „Medien“ sind. Im Alltagsverständnis kennt man Medien vor allem in den engen Bedeutungen von „Massenmedien“ wie etwa Presse, Funk und Fernsehen. Im Schulalltag meint man damit meist „handhabbare Unterrichtsmedien“ und hier insbesondere „technische Medien“ wie beispielsweise diverse Projektoren (früher Diaprojektor und Filmprojektor, dann Overheadprojektor, nun auch Datenprojektor („Beamer“) und Smartboard). Die tatsächliche Viel­falt ihres Auftretens wird z. B. mit folgender Be­griffsbestim­mung erfasst: [2]

  • Medien begegnen uns (1) als Vermittler von Kultur, (2) als dargestellte Kultur, (3) als Werkzeuge oder Hilfsmittel zur Weltaneignung, (4) als künstliche Sinnes­organe und (5) als Umgebungen bei Handlungen.

„Kultur“ ist hier im Zusammenhang mit „Enkulturation“ zu sehen und bedeutet dann wesentlich mehr, als es z. B. der „Kulturteil“ (früher: „Feuilleton“) in den „Massenmedien“ zu suggerieren vermag. [2]
Während (1) das Vermittelnde und Mittelbare von Medien (zur Wahrnehmung von „Kultur“) betont, erscheinen in (2) Medien ihrerseits als Teil der Kultur, die sich in ihnen zeigt.

In den Aspekten (3) und (4), der von ihm so genannten Organmetapher, legt Wolf-Rüdiger Wagner dar, dass Medien auch als Werkzeuge zur Welt­aneig­nung und als künstliche Sinnesorgane auftreten. [3] Und dass Medien gemäß (5) als „Umgebungen bei Handlungen“ auftreten, wird an Formulierungen aus den Erziehungs- und Sozialwissenschaften wie „im Medium des Allgemeinen“ (Wolfgang Klafki) oder „im kulturellen Medium von Moral“ (Émile Durkheim) erkennbar, denn hier werden Assoziationen an das in der physikalischen Optik geläufige „Medium als Umgebung“ geweckt. Damit erscheint auch die in der Pädago­gik so genannte Lernumgebung als Medium.

Diese fünf Aspekte lassen sich im pädagogisch-didaktischen Kontext wie folgt zusammenfassen:

  • In und mit Medien setzt der lernende und erkennende Mensch seine Welt und sich selbst in Szene

Medien in weiter Auffassung – Medien in enger Auffassung – technische Medien

In dieser Zusammenfassung von „In und mit Medien setzt der lernende und erkennende Mensch seine Welt und sich selbst in Szene“ zeigt sich eine weite Auffassung von Medium, und damit sind dann „Medien überall“ – auch die Lehrerinnen und Lehrer sind dann Medien. Gerhard Tulodziecki schreibt dazu überspitzend, in anderer Weise zunächst eine enge Auffassung von „Medium“ erläuternd: [4]

Geht man von einem solch weiten Medienbegriff aus, so hat jede Interaktion und Kom­­­muni­kation – d. h. auch jeder unterricht­liche und erzieherische Vorgang – eine mediale Komponente.

Wir benötigen daher (z. B. mit Blick auf „Neue Medien“) auch eine enge Auf­fas­sung von „Me­dium“, die gemäß Tulodziecki dann vorliegt, [5]

wenn Informationen mit Hilfe technischer Ge­räte gespeichert oder übertragen und in bildlicher oder symbolischer Darstellung wie­­­­­­­­dergegeben werden.

Solche Medien werden gemäß Tulodziecki „technische Medien“ ge­nannt.[6]. Hischer weist darauf hin,[7] dass im pädagogisch-didakti­schen Kontext beide Auffas­sun­gen von „Medium“ zu berücksichtigen seien: sowohl die enge Auffassung („technische“ Medien) als auch die weite Auffassung („alle“ Medien im Sinne der fünf eingangs genannten Aspekte), und es sei stets anzu­ge­ben, welche Auffassung situativ zugrunde liegt. Im aktuellen Werk von Tulodziecki et al. zu „Medienbildung“ wird generell eine enge Auffassung von Medien zugrunde gelegt:[8]

Eine Eingrenzung des Medienbegriffs bietet sich auch aus historischer Perspektive an: Der Begriff Medien sowie die Begriffe Medienpädagogik, Mediendidaktik und Medienerziehung sind im Kontext der sich ausbreitenden technischen Vermittlungsmöglichkeiten von Inhalten durch Film, Radio und Fernsehen entstanden und bezüglich ihrer Be­griffsinhalte weiterent­wickelt worden.
Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen verstehen wir Medien als Mittler, durch die in kommunikativen Zusammenhängen potenzielle Zeichen mit technischer Unterstützung aufgenommen bzw. erzeugt und übertragen, gespeichert, wiedergegeben oder verarbeitet und in abbild­hafter oder symbolischer Form präsentiert werden.

Als Beispiele für technische Medien nennt Tulodziecki 1989 noch[9]

Arbeits- und Diaprojektoren, Film, Video und Fernsehen, Schallplatte, Tonband und Hörfunk, Bildplatte, Bildschirmtext und Computer.

Diese Beispielsammlung ist heute zu mo­di­fizieren, denn etliche dieser technischen Medien haben nur noch museale Bedeutung (etwa Dia­pro­jek­tor, Schall­platte, Ton­band, Bild­plat­te und Bildschirmtext). Neu hinzugetreten sind „Neue Medien“ (auch: „digitale Medien“).

Medien als Vermittler und als Darstellung von Kultur

Im didaktischen Kontext sind gemäß Friedrich W. Kron zwei lateinische Wurzeln von „Medium“ bedeutsam: [10]

  • medius: in der Mitte, dazwischen liegend, Mittelding, vermittelnd, ferner auch: störend
  • medium: Mitte, aber auch: Öffentlichkeit, Gemeinwohl, Gemeingut

Hierin zeigen sich zwei verschiedene Grund­bedeutungen von „Medium“ bzw. „Medien“ im bildungswissenschaftlichen Kontext:

(1) „Medien als Vermittler von Kultur“, (2) „Medien als dargestellte Kultur“.

Im ersten Fall ermöglichen Medien eine mittelbare Wahrnehmung von Kultur. Im zweiten Fall hingegen sind Medien selber (dargestellte) Kultur, oder anders: Medien ermöglichen hier eine unmittelbare Wahrnehmung von Kultur. (Beispielsweise ist eine Keilschrifttafel ein Dokument im Sinne dargestellter babylonischer Kultur, die von den damaligen Fähigkeiten des nachhaltigen schriftlichen Dokumentierens zeugt; und ferner vermitteln manche Keilschrifttafeln Einblicke in die damalige Kultur der Warenwirtschaftsführung oder auch der mathematischen Fähigkeiten.)

In diesem Deutungsansatz zeigt sich eine Doppelgesichtigkeit von Medien, so dass sich die „klassische“ und eher naive Deutung von Medien als Vermittlern als einseitig und zu eng erweist. Zugleich weist dies auf eine Dyas im Rahmen einer Integrativen Medienpädagogik hin, wie sie auch in der Perspektiven­matrix für technische Medien dargestellt ist: „Medien als Unterrichtsmittel“ (im ersten Fall) vs. „Medien als Unterrichtsinhalt“ (im zweiten Fall).

Medien als Werkzeuge zur Weltaneignung und als künstliche Sinnesorgane

Der Medienpädagoge Wolf-Rüdiger Wagner betont aus medienpädagogischer Sicht weitere Sinnbeilegungen von Medien, nämlich die kulturhistorisch stets wich­tigen Rollen von

(3) Medium als Werkzeug zur Weltaneignung, (4) Medium als künstliches Sinnesorgan,

wofür er die Bezeichnung „Organmethapher“ verwendet. Hier geht es ihm also um die

Rolle der Medien bei der Erweiterung des menschlichen Erfahrungs- und Kommunikationshorizonts […].[11]

Beispielsweise ist dann mit Bezug auf Alexander von Humboldt der Infinitesimalkalkül ein Werkzeug zur Weltaneignung und das Fernrohr ein künstliches Sinnesorgan, also sind beide ein Medium. [12]

Medium als Umgebung

Im Kontext von Bildung und Sozialisation begegnet man vielfach Wendungen wie „im Medium von …“.

So kennzeichnet Wolfgang Klafki Allgemeinbildung u. a. als Bildung im Medium des Allgemeinen [13] (im Sinne von „im Medium des allen Gemeinen“), und er spricht von „Bildung als Subjektentwicklung im Medium objektiv-allgemeiner Inhaltlichkeit“, [14] und Kron weist mit Bezug auf Émile Durkheim [15] darauf hin, dass Sozialisation „im kulturellen Medium der Moral“ [16] stattfinden würde und dass der „kulturelle Vermittlungsprozess“ eine Enkulturation „im kulturellen Medium der sozialen Interaktion“ [17] sei.

Diese Beispiele weisen auf einen weiteren Aspekt des mit „Medium“ bezeichneten Begriffs hin, der Assoziationen an das aus der physikalischen Optik geläufige „Medium als Umgebung“ weckt (Lichtbrechung: Übergang des Lichts z. B. vom optisch dünneren zum optisch dichteren Medium). Zwar tritt „Medium“ in diesen Beispielen auch „vermittelnd“ auf, jedoch zusätzlich behaftet mit dem Aspekt einer „Umge­bung“, der eine „Möglichkeit zu etwas ...“ beschreibt. [18] Zu den vier Aspekten von Medium als Vermittler von Kultur, dargestellte Kultur, Werkzeug zur Weltaneignung und künstliches Sinnesorgan gesellt sich damit – nicht trennscharf – ein weiterer Aspekt: [19]

(5) Medium als Umgebung für den erkennenden und lernenden Menschen.

In diesem Sinn können dann auch „Lernumgebungen“ als Medien aufgefasst werden.

„Medium“ als Genus verbi im Griechischen

Die deutsche Sprache kennt zwei sog. „Verbformen“ (auch „Verbgeschlecht“ oder „Genus verbi“): das „Aktiv“ und das „Passiv“. Im Griechischen gibt es darüber hinaus ein drittes Genus verbi, das zwischen diesen beiden Genera liegt, also zwischen Aktiv und Passiv, indem es grammatisch eine Mittelstellung einnimmt und deshalb auch „Medium“ genannt wird. [20] Während beim Aktiv eine Handlung beschrieben wird, die vom Subjekt ausgeht, und beim Passiv eine Handlung beschrieben wird, die das Objekt „erleidet“, bezeichnet das „Medium“ als Verb­form im Griechischen eine Handlung, die vom Subjekt des Satzes ausgeht und auf eben dieses Subjekt zurückwirkt. Dieses kann gemäß Peter Riemer auf verschiedene Weisen geschehen: [21] dynamisch (das Subjekt ist unmittelbar betroffen, z. B. „sich freuen“, „hören“, „arbeiten“), direkt (Subjekt und Objekt der Handlung sind identisch, z. B. „ich wasche mich“), indirekt (Subjekt und Objekt sind zwar nominell verschieden, das Subjekt ist aber involviert, z. B. „ich wasche mir den Körper“, „die Menschen gaben sich die Gesetze“), kausativ (das Subjekt hat ein genuines Inter­esse an der von ihm ausgehenden Handlung, also an der Wirkung, z. B. „ich lasse mir die Tochter bzw. den Sohn ausbilden“), reziprok (in die durch das Verb bezeichn­ete Handlung sind zwei Subjekte wech­selseitig einbezogen, z. B. „sich unterhalten“, „kämpfen“).

Kron kommentiert diese Verbform mit Blick auf bildungswissenschaftliche Konsequenzen: [22]

Hier weist die Bedeutung des Wortes darauf hin, dass Menschen an einer Handlung oder an deren Wirkung beteiligt sind. Darauf weist der reflexive Sinngehalt hin.

Er überträgt diese fünffache Rolle, die das Wort „Medium“ in seiner grammatischen Funktion als Genus verbi auf­weist (dynamisch, direkt, indirekt, kausativ, reziprok), sinngemäß auf die beschriebenen ersten beiden „Grundbedeutungen von Medien im bildungswissenschaftlichen Kontext“ (die zugleich „Grundfunktionen von Medien im bildungswissenschaftlichen Kontext“ sind), nämlich Medien sowohl als Vermittler von Kultur als auch als Darstellung von Kultur, und er stellt zusammenfassend fest: [23]

In und mit Medien setzt der Mensch seine Welt und sich selbst in Szene.

Dieses ist zugleich eine Zusammenfassung der fünf im Überblick genannten Aspekte von „Medien in didaktischer Sicht“.

Literatur

  • Durkheim, Émile [1973]: Erziehung, Moral, Gesellschaft. Vorlesungen an der Sorbonne 1902/1903. (1972 bei Neuwied: Luchterhand. Aktuelle Herausgabe 2008 bei Suhrkamp, Frankfurt a. M.)
  • Hischer, Horst [2002]: Mathematikunterricht und Neue Medien. Hintergründe und Begründungen in fachdidaktischer und fachübergreifender Sicht. Hildesheim: Franzbecker, S. 192 ff. (3., durchgesehene und korrigierte Auflage 2005).
  • — [2010]: Was sind und was sollen Medien, Netze und Vernetzungen? – Vernetzung als Medium zur Weltaneignung. Hildesheim: Franzbecker.
  • Klafki, Wolfgang [2007]: Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik – Zeitgemäße Allgemeinbildung und kritisch-kon­struk­tive Didaktik. Weinheim / Basel: Beltz (6., neu ausgestattete Auflage; 1. Auflage 1985).
  • Kron, Friedrich W. [2000]: Grundwissen Didaktik. München / Basel: Ernst Reinhardt Verlag (3. aktualisierte Auflage; 1. Aufl. 1993).
  • Tulodziecki, Gerhard [1989]: Medienerziehung in Schule und Unterricht. Bad Heilbrunn (Obb.): Verlag Julius Klinkhardt.
  • — [1997]: Medien in Erziehung und Bildung. Grundlagen und Beispiele einer handlungs- und entwicklungsorientierten Medienpädagogik. Bad Heilbrunn (Obb.): Verlag Julius Klinkhardt.
  • Tulodziecki, Gerhard & Herzig, Bardo & Grafe, Silke [2010]. Medienbildung in Schule und Unterricht. Grundlagen und Beispiele. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt.
  • Wagner, Wolf-Rüdiger [2004]: Medienkompetenz revisited – Medien als Werkzeuge der Weltaneignung — ein pädagogisches Programm. München: kopaed.
  • Wagner, Wolf-Rüdiger [2013]: Bildungsziel Medialitätsbewusstsein. Einladung zum Perspektivwechsel in der Medienbildung. München: kopaed.

Anmerkungen

  1. Vgl. die ausführlicheren Darstellungen in [Hischer 2002] und [Hischer [2010].
  2. 2,0 2,1 Vgl. die bildungstheoretische Analyse von „Medien“ und „Kultur“ in [Hischer 2010].
  3. [Wagner [2004]]
  4. [Tulodziecki 1997, 14]
  5. [Tulodziecki 1997, 16]
  6. [Tulodziecki 1997, 17]
  7. [Hischer 2010, 33 f.]
  8. [Tulodziecki et. al. 2010, 31]
  9. [Tulodziecki 1989, 17]
  10. [Kron2000, 323 ff.]; kommentierend dargestellt in [Hischer 2010, 13 f.
  11. [Wagner 2004, 17].
  12. [Wagner 2004,18]
  13. [Klafki 2007, 49 ff.]
  14. [Klafki 2007, 20]
  15. [Durkheim 1973]
  16. [Kron 2000, 235]
  17. [Kron 2000] 237]
  18. [Hischer 2010, 22 ff.]
  19. [Hischer 2010, 25]
  20. Vgl. Peter Riemer in [Hischer 2010, 26 f.].
  21. Vgl. hierzu die ausführliche Darstellung von Peter Riemer in [Hischer 2010, 26 ff.].
  22. [Kron 2000, 324]; dargestellt in [Hischer 2010, 28].
  23. [Kron 2000, 324]; dargestellt in [Hischer 2010, 29].


Der Beitrag kann wie folgt zitiert werden:
Horst Hischer (2016): Medien in didaktischer Sicht. Version vom 21.03.2016. In: Madipedia. URL: http://madipedia.de/index.php?title=Medien_in_didaktischer_Sicht&oldid=23508.